Spermidin gehört zu den Stoffen, die in der Longevity-Szene besonders häufig genannt werden: ein natürliches Polyamin, das in jeder Körperzelle vorkommt und mit dem Zellrecycling, der sogenannten Autophagie, in Verbindung gebracht wird. Was daran gut belegt ist, was bisher nur aus Zell- und Tierversuchen stammt und wie die Studienlage beim Menschen aussieht, fasst dieser Ratgeber zusammen.
Was Spermidin ist
Spermidin zählt zu den Polyaminen, kleinen Molekülen, die an Zellwachstum, Zellteilung und der Stabilität von Erbgut und Eiweißen beteiligt sind. Der Körper stellt Spermidin selbst her, nimmt es mit der Nahrung auf und bekommt zusätzlich einen Teil von Darmbakterien. Mit zunehmendem Alter sinkt der Spiegel in manchen Geweben, was Forschende zur Frage geführt hat, ob eine zusätzliche Zufuhr sinnvoll sein kann.
Autophagie: die Idee dahinter
Autophagie bezeichnet den Prozess, mit dem Zellen beschädigte Bestandteile abbauen und wiederverwerten. In Hefen, Fadenwürmern, Fruchtfliegen und Mäusen wurde gezeigt, dass Spermidin diesen Prozess anregen kann und dass die Tiere in manchen Versuchen länger lebten. Diese Ergebnisse haben das Interesse an dem Stoff ausgelöst. Sie lassen sich jedoch nicht ohne Weiteres auf den Menschen übertragen, denn Dosierung, Stoffwechsel und Lebensdauer unterscheiden sich stark.
Die Beobachtungsstudie aus Südtirol
Die bekanntesten Humandaten stammen aus einer Bevölkerungsstudie in Bruneck (Südtirol) mit 829 Personen zwischen 45 und 84 Jahren, die über rund 20 Jahre begleitet wurden. Ihre Ernährung wurde mehrfach per Fragebogen erfasst. Personen mit hoher Spermidinzufuhr über die Nahrung starben im Beobachtungszeitraum seltener: Die Sterblichkeit lag im höchsten Drittel bei etwa 15 Todesfällen pro 1.000 Personenjahre, im niedrigsten Drittel bei etwa 40.
Wichtig für die Einordnung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Sie zeigt einen Zusammenhang, aber keinen Beweis für Ursache und Wirkung. Wer viel Spermidin isst, ernährt sich meist insgesamt vollwertiger, mit mehr Vollkorn, Hülsenfrüchten und Gemüse. Solche Faktoren lassen sich nie vollständig herausrechnen.
Was kontrollierte Studien zeigen
Die größte randomisierte Studie bisher ist SmartAge: 100 Personen mit etwa 69 Jahren und subjektiv empfundenen Gedächtnisproblemen erhielten ein Jahr lang entweder 0,9 mg Spermidin aus Weizenkeimextrakt oder Placebo. Das Ergebnis beim Hauptziel, einem Gedächtnistest, war nicht signifikant. Explorative Auswertungen deuteten bei einzelnen Untergruppen und Entzündungsmarkern Effekte an, die nach statistischer Korrektur aber nicht bestätigt wurden. Die Verträglichkeit war gut, schwere Nebenwirkungen traten nicht gehäuft auf.
Spermidin über Ernährung oder Kapsel
Besonders reich an Spermidin sind Weizenkeime, Sojabohnen, Hülsenfrüchte, Pilze und lang gereifter Käse. Wer die Ernährung entsprechend ausrichtet, bekommt zugleich Ballaststoffe und andere Nährstoffe. Präparate liefern meist ein bis wenige Milligramm aus Weizenkeimextrakt. Für Spermidin gibt es in der EU keine zugelassene Gesundheitsaussage.
| Quelle | Typische Besonderheit |
|---|---|
| Weizenkeime | Sehr hoher Gehalt, enthält Gluten |
| Sojabohnen, Natto | Hoher Gehalt, in Asien üblich |
| Hülsenfrüchte, Pilze | Mittlerer Gehalt, gut alltagstauglich |
| Gereifter Käse | Gehalt steigt mit der Reifung, zugleich viel Salz und Fett |
| Kapsel (Weizenkeimextrakt) | Standardisierte Dosis, Studienlage begrenzt |
Spermidin als Infusion
Für eine intravenöse Gabe von Spermidin liegen keine belastbaren Studien am Menschen vor, die einen Nutzen zeigen. Aussagen zu Wirkungen einer Infusion sind daher wissenschaftlich nicht gedeckt.
Sicherheit und Grenzen
In den Studien wurde Spermidin in den geprüften Mengen gut vertragen. Langzeitdaten sind begrenzt. Polyamine werden auch mit dem Wachstum von Zellen verbunden, weshalb bei bestehenden Tumorerkrankungen sowie in Schwangerschaft und Stillzeit ärztliche Rücksprache sinnvoll ist.
Fazit
Spermidin ist ein spannender Naturstoff mit plausiblem Mechanismus und ermutigenden Beobachtungsdaten. Der direkte Nutzen einer Einnahme ist beim Menschen bisher nicht überzeugend belegt. Eine ausgewogene Ernährung mit Hülsenfrüchten, Vollkorn und Pilzen liefert Spermidin ohnehin mit und ist nach heutigem Wissen der sinnvollste Weg.
Weiterlesen im Ratgeber
- Glutathion: Einnahme oder Infusion?
- NAD+: Der aktuelle Stand der Forschung
- Multivitamin und Coenzym Q10: Für wen sinnvoll?
Quellen
- Kiechl S. et al.: Higher spermidine intake is linked to lower mortality. Am J Clin Nutr 2018 (PubMed 29955838)
- Wirth M. et al.: Effects of Spermidine Supplementation on Cognition and Biomarkers in Older Adults With Subjective Cognitive Decline (SmartAge). JAMA Netw Open 2022 (PMC9136623)
- Eisenberg T. et al.: Induction of autophagy by spermidine promotes longevity. Nat Cell Biol 2009