Immunsystem und Mikronährstoffe: Was Vitamin C, D, Zink und Selen leisten können

Mit Herbst und Winter steigt das Interesse am Immunsystem. Vitamin C, Vitamin D, Zink und Selen werden dabei am häufigsten genannt, dazu kommen Infusionskonzepte mit dem Versprechen eines „Immun-Boosts“. Was lässt sich wissenschaftlich sagen? Dieser Ratgeber trennt zugelassene Aussagen, gut belegte Effekte und Marketingversprechen.

Wie das Immunsystem arbeitet

Das Immunsystem besteht aus zwei Ebenen: der angeborenen Abwehr (Haut, Schleimhäute, Fresszellen, Killerzellen), die sofort reagiert, und der erworbenen Abwehr (T- und B-Zellen, Antikörper), die Erreger gezielt erkennt und ein Gedächtnis bildet. Beide Ebenen brauchen Energie, Eiweiß und eine Reihe von Mikronährstoffen, um zu funktionieren. Von einer „Stärkung“ im Sinne von „mehr ist besser“ kann man nicht sprechen: Ziel ist ein gut versorgtes, ausbalanciertes System.

Zwei Ebenen der AbwehrAngeborene AbwehrBarrieren, Fresszellen, Killerzellen: reagiert innerhalb von StundenErworbene AbwehrT- und B-Zellen, Antikörper: spezifisch, mit GedächtnisMikronährstoffeUnterstützen Bildung und Funktion beider Ebenen
Vereinfachte Darstellung.

Welche Mikronährstoffe zur Immunfunktion beitragen

Für folgende Nährstoffe ist in der EU die Aussage zugelassen, dass sie zu einer normalen Funktion des Immunsystems beitragen: Vitamin A, B6, B12, C, D, Folat, Eisen, Kupfer, Selen und Zink. Die Aussage gilt für eine ausreichende Versorgung. Sie bedeutet nicht, dass höhere Dosen zusätzliche Wirkung haben.

Nährstoff Wichtige Quellen Was bei Mangel passieren kann
Vitamin C Paprika, Zitrusfrüchte, Beeren, Kohl Wundheilung und Abwehr beeinträchtigt
Vitamin D Sonnenlicht, fetter Fisch Erhöhtes Risiko für Atemwegsinfekte
Zink Fleisch, Käse, Kürbiskerne, Hülsenfrüchte Gestörte Funktion von T-Zellen
Selen Paranüsse, Fisch, Eier Weniger Abwehrenzyme
Eisen Fleisch, Hülsenfrüchte, Hafer Müdigkeit, Infektanfälligkeit
Vitamin B6 / B12 / Folat Fleisch, Milch, Blattgemüse Blutbildung und Zellteilung gestört

Was die Studien zu den Klassikern zeigen

Vitamin C: Eine Cochrane-Übersicht kommt zum Ergebnis, dass die regelmäßige Einnahme bei der Allgemeinbevölkerung Erkältungen nicht verhindert, die Dauer aber leicht verkürzen kann, bei Erwachsenen um etwa 8 Prozent. Bei Menschen unter extremer körperlicher Belastung, etwa Marathonläufern, war das Erkältungsrisiko in den Studien etwa halbiert.

Vitamin D: Eine Metaanalyse im BMJ mit Daten aus 25 Studien fand ein leicht geringeres Risiko für akute Atemwegsinfekte unter Vitamin-D-Gabe. Der Effekt war bei Personen mit niedrigem Ausgangswert und bei täglicher statt seltener hochdosierter Gabe am deutlichsten.

Zink: Zinkpastillen, früh im Krankheitsverlauf genommen, können die Dauer einer Erkältung verkürzen. Die Studien sind uneinheitlich bei Dosis und Zinkform, und Zink in hoher Dosis kann Übelkeit und einen Metallgeschmack auslösen.

Wirkung auf Erkältungen laut Studien (vereinfacht)Vitamin C: Dauer bei Erwachsenen verkürzt umca. 8 %Vitamin D bei Mangel: Infektrisiko gesenkt umbis 70 %Vitamin D im Gesamtdurchschnitt: gesenkt umca. 12 %
Cochrane-Übersicht zu Vitamin C (Hemilä 2013), BMJ-Metaanalyse zu Vitamin D (Martineau 2017).

Infusion oder Kapsel?

Für gesunde Menschen mit normaler Ernährung gibt es keinen belastbaren Nachweis, dass Infusionen mit Vitaminen und Mineralstoffen Infekte seltener machen als eine ausreichende Versorgung über Ernährung oder Kapseln. Infusionen umgehen den Darm und sind sinnvoll, wenn die Aufnahme gestört ist, etwa bei Darmerkrankungen. Der Begriff „Immun-Booster“ ist wissenschaftlich nicht definiert.

Was das Immunsystem im Alltag unterstütztSchlaf7 bis 9 StundenKurzer Schlaf erhöhtInfektrisikoBewegungModerat und regelmäßigZu viel Trainingkann hemmenErnährungEiweiß, Gemüse, ObstVielfalt stattEinzelnährstoff
Die Basis wirkt stärker als jedes einzelne Präparat.

Wann eine Ergänzung sinnvoll sein kann

Eine Ergänzung kann sinnvoll sein bei nachgewiesenem Mangel, bei Vitamin D im Wiener Winter, bei Vitamin B12 für Menschen, die sich vegan ernähren, sowie bei älteren Menschen und bei Personen mit chronischen Darmerkrankungen. Wer regelmäßig hohe Dosen nimmt, sollte Blutwerte kontrollieren lassen. Übermäßige Mengen etwa von Zink oder Selen können schaden, weil die Spanne zwischen Bedarf und Obergrenze eng ist.

Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden oder schweren Infekten gehört die Abklärung in ärztliche Hand.

Fazit

Das Immunsystem lässt sich nicht beliebig „boosten“. Eine ausreichende Versorgung mit Vitamin C, D, Zink, Selen und B-Vitaminen ist eine wichtige Voraussetzung, mehr bringt nach heutigem Stand nicht automatisch mehr. Schlaf, Bewegung und eine abwechslungsreiche Ernährung bleiben die Basis.

Weiterlesen im Ratgeber

Quellen

  • Hemilä H., Chalker E.: Vitamin C for preventing and treating the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2013
  • Martineau A.R. et al.: Vitamin D supplementation to prevent acute respiratory tract infections. BMJ 2017
  • EU-Verordnung 432/2012: zugelassene Gesundheitsaussagen zu Vitaminen und Mineralstoffen
  • Singh M., Das R.R.: Zinc for the common cold. Cochrane Database Syst Rev 2013

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